Die Probleme des Verwaltungsrats in Zeiten von zunehmender Digitalisierung, Dynamik und Unsicherheit

Von Beat Scheidegger

Beat Scheidegger, lic.rer.pol., verfügt über einen EMBA Digitale Transformation und ist zertifizierter Verwaltungsrat und aktiver VR in mehreren Firmen. Zu seinen Erfahrungen zählen unter anderem zehn Jahre M&A / Unternehmensentwicklung in börsenkotierten Unternehmen, sowie zehn Jahre Tätigkeit als geschäftsleitender Partner einer mittelgrossen Strategieberatung.

Als Unternehmer, Verwaltungsrat, Berater und Dozent entwickelt Beat Scheidegger Führungskräfte, etablierte Unternehmen und Startups weiter, die sich aktiv transformieren und wachsen wollen.

Ein guter Verwaltungsrat zu sein, wird je länger je schwieriger. Immer mehr läuft er Gefahr, den Anschluss zu verlieren und so die unübertragbaren Aufgaben (OR 716) nicht mehr wahrnehmen zu können. Drei Gründe stehen für mich im Zentrum für diese Behauptung:

  1. Die Unternehmen entwickeln sich immer schneller und die Märkte werden immer unberechenbarer. Das macht die strategische Führung deutlich anspruchsvoller.

Gemäss einer internationalen Forbes Studie (2016, S.10) gehen 72% der CEO’s davon aus, dass sich ihr Geschäftsmodell in den nächsten 3 Jahren signifikant verändert. Diese Entwicklung macht hinter den Alpen nicht Halt.

Die Managementlehre hat sich bisher tendenziell auf die Strategie als Methode konzentriert, langfristige Wettbewerbsvorteile zu finden. Sobald solch ein Wettbewerbsvorteil gefunden ist, wird es zur Aufgabe der Manager, sich dem Schutz des Wettbewerbs mittels gutem Finanzmanagement und operativer Exzellenz zu widmen. Im Gegensatz dazu erkennt das heutige Management-Denken vermehrt, dass die Idee eines stabilen und langfristigen Wettbewerbsvorteils ein Irrtum ist. Unternehmen sollten so geführt werden, dass sie aktuelle Vorteile schnell nutzen und gleich zu den nächsten Vorteilen übergehen. (siehe dazu auch «The End of Competitive Advantage», HBR Press 2013).

  1. Die Dynamik, in welcher sich Themen wie Digitalisierung entwickeln, stellen neue Anforderungen an unser Wissen als VR, damit wir im Unternehmen überhaupt noch beurteilen können, was relevant ist.

Unterstrichen wird dies durch die exponentielle Entwicklung des Wissens der Menschheit: Ging es um 1900 noch ca. 100 Jahre bis sich das Wissen der Menschheit verdoppelte, so sind wir heute bei einem Jahr angelangt. Angelehnt an Buckminster Fuller wird sich im Jahr 2025 das Wissen der Menschheit jeden Tag verdoppeln – jeden Tag! Die Veränderungen werden also in immer kürzeren Abständen immer grösser und wohl auch unberechenbarer!

  1. Die Risiken, die ein VR eingeht, wurden einerseits durch Fälle wie Raiffeisen und Postauto wieder spürbar. Doch auch die oben erwähnten Themen führen zu völlig neuen Formen von Risiken.

Die Anforderungen an Governance steigen «gefühlt» ebenso exponentiell. Das Global Network of Director Institutes, GNDI hat beispielsweise mit international renommierten Experten Richtlinien für die Corporate Governance von Daten ausgearbeitet. Das Framework umfasst 10 Bestandteile (von der Data Governance bis zur Datenintegrität und -nachhaltigkeit). Wir hatten in einer VR-Erfa-Gruppe kürzlich darüber diskutiert, wie realistisch es ist, dass ein KMU die Empfehlungen des Frameworks umsetzen kann. Du erahnst das Resultat… Nicht, dass es nicht sinnvoll wäre! Doch die Mittel und Kompetenzen fehlen bei weitem – zumal es sich bei Daten zwar um ein zentrales, aber definitiv nicht um das einzige Risiko im Unternehmen handelt.

Was meint ihr?

Immer digitaler, immer dynamischer und immer unsicherer – das ist die Ausgangslage, in welcher der Verwaltungsrat seine Aufgabe – Oberleitung der Gesellschaft – wahrnehmen muss. Was bedeutet das für seine Arbeit? Kann er im Teilzeit-Pensum und aus der Distanz diese Verantwortung überhaupt übernehmen?

Mein Ziel ist nicht, allen Verwaltungsräten nun zu raten, schnellst möglich ihre Mandate niederzulegen oder die «D&O-Versicherung» zu erhöhen. Nein, heute geht es mir darum, zu sehen, was eure Erfahrungen sind. Teilt ihr meine Einschätzung?

Im nächsten Blogbeitrag werde ich Wege zeigen, wie wir unsere Aufgabe der Oberleitung der Gesellschaft auch in Zukunft wahrnehmen können – wie wir als VR zum Wachstumstreiber werden. Denn wir müssen die Voraussetzungen schaffen, damit das Unternehmen Nutzen aus der dynamischeren, unberechenbareren Welt ziehen kann.

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