Agil als Lösung für alle Probleme

Von David Parolo

Agil. Das Mainstream-Modewort in der Business-Sprache. Es wird als Allzwecklösung für neue Herausforderungen oder Veränderungen genutzt. Jeder tut es oder eher: Jeder «muss» es tun.  Im heutigen Zeitalter der Digitalisierung ist es von zentraler Bedeutung, wie schnell Unternehmen auf Veränderungen reagieren können. Deshalb ist nun Agilität gefragt. Es scheint fast, dass Agilität allgegenwärtig geworden ist. Niemand mag mehr starre und unflexible Strukturen. Man will Freiheit und Selbstbestimmung und Schnelligkeit. Macht das auch immer Sinn?

Agilität in der Organisation

Unternehmen lösen sich von jeglicher Struktur und Hierarchie, um maximale Kreativität und Zufriedenheit der Mitarbeitenden zu fördern. Möglichst viel Freiheit sollen die Mitarbeitenden haben, Kreativität entfalten und die Stärken optimal einsetzen können. Wenn man dies mit der Abschaffung jeglicher Strukturen gleichsetzt, endet es oftmals im Chaos und bewirkt für die Mitarbeitenden eher das Gegenteil von Zufriedenheit. Unsicherheit kann sich breit machen. Mitarbeitende brauchen klar definierte Entscheidungswege, vor allem im Krisenfall. Wer entscheidet und wer nimmt mir eine Entscheidung ab, wenn ich nicht mehr weiter weiss? Eine Organisation braucht einen Leader: Jemanden der den Überblick behält und alle Einzelteile zum grossen Gesamtbild koordiniert. Fehlen jegliche Vorgaben, kann sich das lähmend auf die Arbeit des Individuums und auch auf die Gruppe auswirken. Auch wenn man anstatt von klassischen Pyramiden («boxes and wires») neu von Netzwerken, Teams, hierarchielosen Organisationen spricht, so manifestiert sich die Agilität in der Organisation trotzdem in einer Art sehr bewussten und oftmals sogar noch stärkeren Struktur als in klassischen Unternehmen.

Agilität in Projekten

Das Wort agil wird auf unzählig viele verschiedene Arten interpretiert. Gerade bei Projektarbeiten wird es oft verwendet. Wasserfallprojekte als Ursprung aller gescheiterten Projekte und agile Projekte nach Scrum & Co als die Lösung aller Probleme. Hier geschieht oftmals eine Fehlinterpretation und Agilität wird als maximale Flexibilität im Zusammenhang mit Planlosigkeit bezüglich Zielerreichung angesehen. Einfach mal darauf losarbeiten und dann den Kurs korrigieren. Sprints und neue Stossrichtungen, die jede Woche ändern können, führen zu einer maximalen Belastung der Projektmitarbeitenden, da sie auf die Ungewissheit doch «flexibel» reagieren sollen – oftmals mit einem Extra-Effort, der dann doch meistens «für die Katze» war und zu einer Frustrierung der Mitarbeitenden führt.

Doch auch hier bedeutet Agilität im Grunde nichts anderes als etwas mehr Freiheit in klar definierten Strukturen. Oftmals geht dies sogar mit einer noch stärkeren Kontrolle und Zielorientierung einher als beim Wasserfallprinzip mit seinen Action-Logs. Auch hier braucht es zur Entfaltung klare Strukturen, Rollen und Abläufe.

Die Gärtchen-Metapher

Lass Agilität zu, gib Freiheiten, baue jedoch eine Grundstruktur darum herum und mache Ziele sowie Abläufe klar. Als hätte jeder Mitarbeitende sein eigenes Gärtchen, in dem er pflanzen, schneiden und wachsen lassen kann, wie er möchte. Am Ende muss der Garten einfach blühen. Jedes Gärtchen hat eine Grenze, vielleicht sogar eine Hecke, als Abtrennung zu anderen Gärten. Teile von Gärten sind überlappend. Sobald man über diese Hecke hinauswachsen will, benötigt man aber Strukturen, welche die Möglichkeiten und Rahmenbedingungen bei einer Expansion des Gartens neu festlegen. Dabei ist die Herausforderung für den Gartenaufseher, die Agilität in den Gärten selbst leben zu lassen, aber dennoch klare, äussere Strukturen vorzugeben, um die Gärtner nicht völlig planlos in einem grünen Pflanzenmeer schwimmen zu lassen. Baut man im Unternehmen bewusst solche «Gärtchen» auf, so kann jeder Mitarbeitende seine Kreativität und seine Ideen im eigenen Bereich maximal entfalten, während er oder sie die Ziele verfolgt. Die Orchestrierung von jemandem, der über alle «Gärtchen» den Überblick behält und sicherstellt, dass die individuellen Ziele im Einklang mit den Unternehmenszielen sind, ist dabei zentral. So bleiben die Mitarbeitenden, und mit ihnen das ganze Unternehmen, flexibel und wie man so schön sagt, agil.

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